Am Freitag, den 04.06.04 (ca. 2,5 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin) wurde ich um
05.00 Uhr morgens wach. Wie so häufig während der Schwangerschaft musste ich mal wieder nachts
auf die Toilette. Also schwang ich mich auf die Bettkante und merkte plötzlich im Aufstehen,
dass ich Wasser verlor. Ups, dachte ich, nun aber schnell ins Bad. Als der Versuch, das Wasser
anzuhalten komplett misslang und es statt dessen weiter die Beine herunter rann, wurde mir
klar, dass es sich wohl eher um Fruchtwasser als um Urin handeln musste. Da saß ich nun mit
weichen Beinen auf der Toilette, und mir wurde klar, dass die Geburt wohl unmittelbar bevor
stand. Gute zwei Wochen vor dem errechneten Termin hatte ich in keiner Weise damit gerechnet,
dass der kleine Mann sich schon jetzt auf den Weg machen wollte.
Ich rief nach Jean Paul, der verschlafen schwankend ins Bad kam. Kein Zweifel –auch der
eigentümliche Geruch der Flüssigkeit wies darauf hin, dass die Fruchtblase geplatzt war.
Zurück im Bett beschlossen wir, Nitya anzurufen. Nur 20 Minuten später stand sie im
Schlafzimmer und untersuchte mich. Das Köpfchen hatte sich schon ausreichend in den
Geburtskanal eingestellt. Es bestand also keine Gefahr, dass die Nabelschnur vorfallen könnte.
Ich könne sogar aufstehen, sage Nitya. Fügte aber sofort hinzu, dass ich mich noch gut ausruhen
solle. Schließlich stehe die Geburt bevor, die all meine Kraft fordern würde.
Nitya sagte, die Wehen würden wohl heute oder morgen einsetzen. Wir sollten sie über Handy
benachrichtigen, wenn die Wehen in kürzeren Abständen über zwei Stunden wiederkehrten.
Jean Paul machte sich auf den Weg zur Arbeit. In wenigen Stunden machte er die Übergabe und
verabschiedete sich in den zweiwöchigen Baby-Urlaub.
Allein zu Hause überlegte ich ganz gespannt, wie wohl alles weitergehen würde. Ich war nun
richtig glücklich und aufgeregt, dass unser kleiner Sohn sich auf seinen Weg gemacht hatte.
Vor dem Ausruhen noch duschen und Haare waschen. Und noch ganz kurz ein bisschen
aufräumen…
Die Abstände zwischen den Wehen, die anfangs ca. alle halbe Stunde recht leicht kamen, wurden
am Vormittag größer. Ganz entspannt lag ich inzwischen im Bett.
Um 12 kam Jean Paul zurück. Später rief Nitya an, um zu fragen, wie es geht. Als sie hörte,
dass die Wehentätigkeit recht schwach war, ging sie davon aus, dass unser Baby sich wohl doch
noch bis zum nächsten Tag Zeit lassen würde.
Gegen 16.00 Uhr setzten die Wehen plötzlich zunehmend stärker ein und die Abstände wurden
immer kürzer. Anfangs tanzte ich zur Musik noch im Wohnzimmer, dann zog ich mich doch ins
Kinderzimmer auf das Futonbett zurück und versuchte, in unterschiedlichen Positionen und mit
Hilfe von Jean Paul mit den Schmerzen umzugehen. Ich war richtig froh, in vertrauter Umgebung
zu sein.
Noch bevor wir uns bei Nitya wieder gemeldet hatten, kam sie.
Die Wehen wurden intensiver und so war ich froh, Nitya in meiner Nähe zu wissen. Wir würden
das schon sehr gut machen, sagte sie und machte sich an die Vorbereitungen.
Nitya untersuchte mich in Abständen und war mit dem Vorankommen sehr zufrieden. Das gab mir
viel Sicherheit und Zuversicht.
Dann fragte Nitya, ob ich gerne vor der Geburt noch ein Bad nehmen wolle. Dadurch würde das
Gewebe gut entspannt und könnte sich für die Geburt besser dehnen. Aufgrund der Schmerzen wäre
ich auf diese Idee sicher nicht mehr gekommen. Für den Vorschlag dankbar, machten wir uns
zusammen auf den Weg ins Badezimmer. Nitya hatte schon recht heißes Wasser eingelassen.
Das heiße Wasser, in das ich eintauchte, machte mich regelrecht schläfrig. Jean Paul setzte
sich auf den Badewannenrand und blieb bei mir. Er sprach von Zeit zu Zeit beruhigend auf mich
ein. Die Schmerzen waren trotz des Wassers so stark und nahmen mir viel Kraft, so dass ich
zwischen den Wehen regelrecht wegdämmerte. Setzten die Wehen wieder ein, riss mich das aus dem
Dämmerzustand jäh wieder heraus.
Nitya untersuchte den Muttermund, der nun schon –bis auf einen kleinen Saum- ganz offen war.
Zwischendurch setzte sie den Schallkopf auf meinen Bauch und überprüfte die Herztöne unseres
Sohnes. Sie versicherte mir, dass es ihm gut ginge. Diese Nachricht haft mir über die Schmerzen
hinweg. Wenigstens geht es ihm gut. Ich würde es schon schaffen.
Dann setzten die Presswehen ein. Ich hatte das Gefühl, als stülpe sich mein Innerstes ohne
mein Zutun nach außen. Nitya sagte, wir sollten mich nun wieder ins Zimmer bringen. Wir gingen
von einem großen Baby aus. Im Wasser könne man nicht so gut einen Positionswechsel machen,
falls dieser wegen der Größe des Kindes nötig werden sollte.
Ich dachte, wir könnten für den Ausstieg noch eine Wehenpause abwarten, doch Nitya riet
dazu, direkt auszusteigen, da die Presswehen in immer kürzeren Abständen kamen.
Wenn das so ist, dann muss es auch gehen, dachte ich. Die ganze Zeit hatte ich volles
Vertrauen zu Nitya. Das war enorm wichtig. Dadurch konnte ich mich –soweit möglich- fallen
lassen und war über den Fortgang der Geburt nicht eine Minute in Sorge oder Unsicherheit. Ich
wusste, Nitya schätzt die Situation gut ein.
Jean Paul und Nitya halfen mir aus der Wanne. Jean Paul stützte mich rückwärtsgehend von
vorne, Nitya stützte mich von hinten und trocknete mich noch im Gehen ab.
Auf dem Bett nahm ich abwechselnd den Vierfüßlerstand (wie schon während der Eröffnungsphase)
ein und dann wieder hing ich auf dem Bett kniend Jean Paul um den Hals. Nitya machte mir immer
wieder Mut und sagte, ich mache das sehr gut so. Dann schlug sie vor, wenn ich es mir
vorstellen könnte, vor dem Bett in die Hocke zu gehen. Neben der Schwerkraft (die mir jetzt
schon half) könnte ich mich mit den Füßen vom Boden abstemmen, um das Pressen zu verstärken.
Ich wusste zwar nicht, ob es mir gelingen würde (Schmerz kann ganz schön die Initiative
bremsen), aber ich dachte, folge mal dem Vorschlag. Versuchen kannst Du es ja. Jean Paul setzte
sich auf den Bettrand und ich hockte mich zwischen seinen Beinen. Mit den Armen hielt er mich
unter den Achseln. Ich hielt mich an seinen Oberarmen fest (obwohl ich in meinem Leben schon
öfter starken Muskelkater hatte, ist das nicht im Geringsten damit vergleichbar, was ich in den
Tagen nach der Geburt erlebte. Durch die starken Schmerzen und die Anstrengung des Mitpressens
angetrieben, zog ich Jean Paul fast die Arme aus dem Leib!!!).
Eine weitere unvergessliche Idee hatte Nitya mit dem großen Standspiegel. Sie fragte mich, ob
ich die Geburt mit ansehen wolle. Das würde mich beim Pressen anspornen, da ich dann verfolgen
könnte, wie das Köpfchen sich Millimeter für Millimeter vorarbeitet. Ich stimmte sofort zu.
Nitya stellte den großen Standspiegel vor uns auf. Da hockte ich nun und konnte tatsächlich ein
kleines Stück vom Köpfchen, das ich vorher auf Anraten von Nitya schon ertastet hatte, schon
sehen –mit schwarzen Haaren-. Das war einfach unglaublich.
Nun musste ich nur noch weiterschieben. Aber genau das fiel mir gar nicht so leicht. Die
Eröffnung des Muttermundes konnte ich mir noch vorstellen –schmerzhaft aber wie
selbstverständlich-. Dass nun aber das ganze Baby durch den Scheideneingang rutschen sollte,
die Vorstellung gelang mir nicht wirklich so schnell. Ich hatte total Hemmungen mit den
heftigen Presswehen, die von meinem Körper Besitz ergriffen, mitzudrücken. Dazu kam, dass meine
Kräfte so langsam aufgebraucht zu sein schienen.
Wie auch immer, es musste ja weitergehen. Nitya machte mir immer wieder Mut und versicherte
mir, dass es dem Baby sehr gut gehen würde. Für dieses Mutmachen und die guten Nachrichten –was
unser Baby anging- war ich so empfänglich wie dankbar.
Es brauchte dann wirklich nur noch ein Paar Presswehen, wo ich meine letzte Kraft und allen Mut
zusammennahm, und dann –Schwupp- war das Köpfchen geboren. Nach der entscheidenden Wehe machte
ich die Augen auf und sah den Kopf unseres Sohnes im Spiegel. Nitya, die seitlich vor uns
hockte, half Jules sehr behutsam auf die Welt. Zart nahm sie das Köpfchen in ihre Hände und bei
der nächsten Wehe –Schwupps- schoss ein Ärmchen heraus und dann mit einem weiteren Schwupps der
restliche Körper. Noch jetzt beim Schreiben steigt dieses unbeschreibliche Gefühl in mir auf,
wenn ich mich daran erinnere…